Susten - Grimsel - Furka


Es ist zwar erst Anfangs September, aber in den Bergen hat bereits der Winter übernommen. Ich traue meinen Augen nicht als wir am Susten aus einer Kurve segeln und der Strassenbelag plötzlich weiss ist - nicht vom Schnee, sondern vom Salz. Es ist richtig kalt, die Reifen bauen keinen vernünftigen Grip auf. Also lassen wir es geruhsam angehen. Normalerweise bin ich ja der Pässegaffer, der unbedingt anhalten und fotografieren muss - heute nicht, nichts wie runter in's Tal. Kurz vor Meiringen spüre ich so etwas wie Wärme in der Luft. Wir biegen ab Richtung Grimsel, sofort springt uns die Kälte wieder an.

 

Nun ja, man könnte sich ja noch etwas dicker anziehen. Auch am Grimsel Hospiz ziehen wir vorbei in Richtung Gletsch. Bei der Auffahrt auf die Furka beginnt es leicht zu nieseln, es ist dunkel und wir haben in Erwartung von etwas Sonne die dunklen Visiere montiert. Auch schlau. Wir ziehen direkt durch nach Andermatt, ich brauche etwas, was ich sonst nie trinke: einen Kaffee Creme - nur weil die grössere Tasse die Hände besser wärmt als der olle Espresso und mir die Heizgriffe an der Yamaha irgendwie entgangen sind.

 

Wir nehmen bei Amsteg kurz die Autobahn in Richtung Zürich und verlassen sie wieder bei der Ausfahrt Küsnacht. In Richtung Unteraargau wird es milder und milder, und die letzten Kilometer via Rifferswil und Aeugstertal am Türlersee vorbei werden richtig angenehm, wir lassen es schön rollen. Die MT-10 ist mittlerweile gut eingefahren und durfte sich heute mal ein wenig in der freien Wildbahn austoben. Das Motorrad ist auch in den Alpen ein Brenner und überzeugt mit jedem Kilometer stärker. Ueberraschend für mich ist vor allem das Fahrwerk - nicht unbedingt hochgelobt von den Sachverständigen, kommt es auch mit einer Buckelpiste wie die Furka-Nordseite ohne Probleme zurecht. 

Yamaha MT-10

KTM 1290 Super Duke, BMW S1000 R, BMW S1000 XR, Aprilia Tuono, Honda CBR Fireblade, Yamaha R1 - was tut der 1.90m Geplagte in einer Motorradwelt, in der offenbar für kürzer geratene Fahrer gebaut wird?

 

Die löbliche Ausnahme ist BMW, aber mit diesen polierten Reihenvierzylindern werde ich nicht richtig warm. Eher per Zufall stosse ich im Netz auf die Yamaha MT-10.. nun gut man kann ja mal schauen aber Euro4 und diese Kartoffelschalldämpfer... vergiss es.. da stolpere ich auch schon über eine neue 2016er mit einem anständigen russischen Schalldämpfer Auspuff ganz in der Nähe. Kleine Garage, sowieso schon gut, ja kannst ja mal anrufen, und ja kannst ja mal probefahren...

 

Leute, aber was ist denn das? Erstmal, die 1 Meter 90 sitzen top bequem. Wunderbarer Kniewinkel, Vorderrad-orientierte Sitzposition. Dann würde keiner glauben, dass hier ein 4-Zylinder (Crossplane, wie zu lesen ist mit versetzten Hubzapfen, was immer das bedeutet)  verbaut ist - was für ein Motor, das fühlt sich an wie ein Zweizäpfler, bis man über 7000 Touren dreht - dann fühlst Du nichts mehr, bist beschäftigt damit, Dich am Lenker festzukrallen und bei dieser abartigen Beschleunigung von 170 PS nicht vom Motorrad zu fallen. Das Ding kannst Du aber auch bei 2000 Touren in der Stadt rollen lassen, genial, da ruckt und zockelt nichts. Das Fahrwerk - hervorragend und voll verstellbar, jedoch nicht semiaktiv - zum Glück, das hat mich an der Multistrada eher genervt.

 

Die Features sind sparsam ausgelegt, aber alles da was es braucht, verstellbare Traktionskontrolle, Quickshifter serienmässig, drei Fahrmodi - man hüte sich vor dem Modus B... alles in einem einfachen aber gut ablesbaren Display, jede Funktion hat einen eigenen Schalter, so dass Du ohne Computerkurs auskommst.

 

Ich war nie ein Japanerfahrer und schon gar kein Fan, aber Damen und Herren, ich bin richtiggehend geläutert. Hier sieht es so aus als hätte sich Yamaha überlegt, welche europäischen Bikes führen die Bestenliste an und was kann man an denen besser machen - nicht nur preislich. Das Gerät kommt unter 15'000 Franken daher und macht damit auch der preislich wohlgepriesenen BMW S1000 R den Garaus. Optisch ist das Motorrad sehr eigenständig, mir hat sie gleich gefallen - wie immer Geschmacksache,

 

Ich weiss nicht wie die 2017er mit ihrem Euro4-Fabrikschlot klingt, aber die 16er mit dem kurzen Scorpion Auspuff macht das Tunnelfahren wieder zum Vergnügen; kernig heiser röchelnd bis 5000 Touren, darüber reinstes Engelsgeschrei. Kein Wunder, sie hat als Basis (Chassis und Motor) die R1, die schon Legende war, bevor Valentino Rossi zu Yamaha stiess.    

Auf Umwegen an den Lago di Como

Freies Wochenende zu zweit und das ausgerechnet zu Ferienbeginn. Wir wollen an das Nordufer des Lago di Como. Während sich am Gotthard die Autos auf 12 km stauen und am San Bernardino ab Chur Süd  gegen Mittag auch alles dicht ist, überlege ich mir die ideale Route.

 

Den Splügenpass lassen wir aus und schleichen uns stattdessen über Landquart via Wolfgang und den Flüelapass an. Hier ist freie Bahn, wir treiben die GS durch die Haarnadeln, das Wetter ist traumhaft aber sehr kalt. Alles was an Jacken dabei ist muss an den Start. In Susch biegen wir ab in Richtung Maloya, der ebenfalls kaum befahren ist. Allerdings hat es am Ufer des St. Moritzersees entlang wie gewöhnlich eine Ansammlung Hornviecher, die sich verhalten wie Psychopaten. Auch die unvermeidlichen Söhne Valentino Rossi's aus dem nahen Italien prügeln ihre Superbikes am Limit auf dieser nicht ganz ungefährlichen Strecke. Glücklicherweise ist es Samstag und nicht Sonntag, der hier rasch zum Mad Sunday wird.

 

Ueber Chiavenna erreichen wir gegen Abend das Dorf Gera Lario am nördlichen Ufer des Comer Sees, wo wir uns in einem der zahlreichen B&B einnisten. Spontanbuchungen sind immer spannend, aber nur Mut! Die Perlen findet man meistens so. Ich verliebe mich immer wieder auf's Neue in dieses bröckelige Flair des Unvollkommenen und  frische Pasta mit Pesto.

 

Am Sonntag mittag machen wir uns auf den Heimweg. Wie erwartet ist das Verkehrsaufkommen gewaltig, und bereits im Aufstieg zu Maloyapass stellen sich gleich mehrmals meine Nackenhaare auf. Wir fahren bis La Punt und zweigen auf den Albula in Richtung Thusis ab. Guter alter Albula, ich liebe ihn! Die Strasse im unteren Teil vor Preda ist noch etwas schlechter geworden, selbst die allesflachbügelnde GS schlägt nach links und rechts aus. Wir bleiben auf der Kantonsstrasse bis Landquart und nehmen die Autobahn bis Lachen. Ich bin wieder im inneren Streit ob nun das Tartar im Hotel Albrici in Poschiavo oder jenes im Steakhouse an der Marina Lachen den heiligen Gral verkörpern.

 

Unsere Tour ist rund 700 km lang und führt über drei der schönsten Pässe, welche die Schweiz zu bieten hat, und entlang des wahrscheinlich schönsten See's in Norditalien. 

Moto Guzzi Le Mans 1 1976 - La Guzzi

Sie stand schon lange im Schaufenster meines Freundes Vito Zanoli, der alle Motorräder mit Herzblut wartet und repariert. Eine wunderschöne Moto Guzzi LeMans 1 Baujahr 1976 mit einem Laverda Aluminium Tank, komplett und -ja, liebevoll ist das richtive Wort - restauriert, mit Veteranenschein. Der Plan, eine alte BMW R/80 neu aufzubauen, löst sich gerade in Luft auf. Erster Fahreindruck: sie will volle Konzentration, beginnend beim Starten bis zu den unbedingten nachdrücklichen Schaltvorgängen und der manuellen Benzinreserve. Ein Klang wie es ihn heute nicht mehr gibt. Nach vier Stunden kann die Kupplungshand die Kaffeetasse nicht mehr halten. 

 

Sitze ich jetzt auf den gegenwärtigen Retro-Hype auf, wie mittlerweile alle namhaften Motorradhersteller? Ich sag's mal vorsichtig: fabrikneue Bikes im Retrostyle sind mein Ding nicht. Hier wird LifeStyle verkauft. Das nervt. Jeder fette Bock trägt mittlerweile die Bezeichnung Cafe Racer - obwohl der Kenner weiss, Cafe Racer waren abgespeckte Serienmotorräder. Klar sehen die Triumphs, insbesondere die Thruxton RS, gut aus. Aber aus diesen Motorrädern werden keine richtigen Vintage Bikes, sie bleiben eben RetroStyle.

 

Ein echtes altes Bike hingegen, ja das tut es mir schon länger an, mag es dann Vintage Bike oder Cafe Racer heissen, ist mir eigentlich wurst. Ohne den guten alten Joke startet das Ding nicht, und aus dem Vergaser riecht es wie seinerzeit aus meinem Sachs 2-Gang Töffli. Plastik? Nein. Bordcomputer und Fahrhilfen? Nein. Serviceintervallanzeige und Heizgriffe? Nein. Sicherheitstechnik? Hat nur der Fahrer, hoffentlich, denn hier regelt kein ASC und kein Kurven-ABS hilft bei schlecht designten Kurvengeschwindigkeiten. 

 

Also nochmal zum Retro-Hype. Er ist verständlich - zügig fahren geht bald gar nirgends mehr. Also sollen die Mopeds uns nicht mehr auf die letzte Rille locken, sondern sie sollen schön sein, speziell, möglichst Unikate. Einigen Piloten dürfte das Auffallen nicht unwichtig sein. Sie freuen sich am schönen umgebauten Neu-Motorrad, dem passenden Outfit und der Gewissheit, dass sie im Trend liegen. Ich mich daran, die Geschichte eines alten Motorrades fortführen zu dürfen. 

The Essentials

Ich habe mich lange mit Ausrüstung beschäftigt und dazu auch immer wieder Anfragen erhalten. Das Interessante zu diesem Thema findet sich nun im Archiv - ich habe dem Materialkrieg adieu gesagt und reduziert auf einige wenige für das Motorradfahren essentielle Dinge, die gut funktionieren. Ihr dürft trotzdem weiter Fragen stellen, es muss nicht jeder seine ganze Kohle verdampfen nur um rauszufinden was gutes Material ist. Helme und Jacken von Kraftstoff in Meilen gehören auf alle Fälle dazu.

 

Authentic style - best motorcycle clothing and acessories 

BMW R NineT

2015 habe ich bei einem Ducati Händler diese BMW RNineT gefunden. Zwischen all den Scramblers, Multistradas und Diavels sticht dieser schöne Scheinwerfer heraus. 

 

Die Ducatisti mögen mir verzeihen, aber was BMW mit der RNineT an Fertigungsqualität und Design hinstellt ist ein Hingucker. Reduziert und schlicht sieht das Motorrad aus, einfach nur gut, und wird - Manitu sei gelobt - mit dem letzten luft-oelgekühlten Boxer angetrieben, der 110 PS Leistung hat. 

 

Warum jetzt erst ein Wort über dieses spezielle Motorrad? Ich musste die R NineT 5000 km fahren, um sie richtig einschätzen zu können - schon etwas verweichlicht vom wassergekühlten Boxer der Adventure LC. Ein Atomaggregat zwar, aber den Boxer hat BMW definitiv aus diesem Motor 'rausingenieurt'. 

 

Sagt was Ihr wollt und ja, ich habe mit diesem Motor angefangen Motorrad zu fahren, der luftgekühlte Boxer macht einfach einen Heidenspass und der Sound ist aussergewöhnlich gut; kernig trompetet die RNineT unter Last und zeigt sich drehfreudig. Das Drehmoment dieses Motors ist bereits Legende, da ist Druck pur in allen Drehzahlbereichen. 

 

Die RNineT wurde von BMW als Basis für Customizing positioniert und verkauft. Das Motorrad gefällt mir persönlich ab Werk am besten - die Umbauten, die ich an der diesjährigen SwissMoto gesehen habe müssen nicht unbedingt sei. Die RNineT wird kein Vintage Motorrad, auch wenn wir Straussenleder am Sattel und Coladosen am Tank verbauen, oder Stollenreifen und rostige Krümmer montieren. Eine schöne Reminiszenz an die BMW R32 von 1923, mag ich vor allem diesen schwarzen Tank! 

 

Viel wichtiger ist mir aber das Fahren, und ehrlich ausgedrückt liebe ich die R NineT. Das Fahrwerk ist straff aber nicht zu hart, die Upside Down Gabel aus der S1000 RR macht genau was sie muss und die Bremsen sind eben Brembo in einer BMW. Einzig schalten muss man sie wie jede andere BMW auch: sorgfältig und gekonnt bei der idealen Drehzahl, dann geht es auch geräuschfrei. Fahren zu zweit: ein Genuss. Die RNineT bleibt auch zu zweit was sie solo ist: spurtreu, agil und kraftvoll. 

Fallende Bäume?

Grundsätzlich ist gegen starken Wind nichts zu sagen; im Gegenteil, ich habe diese Wetterlage mit Sonne, kühlen Temperaturen und Windböen nicht ungern. Aber es gibt Grenzen.

 

Unterwegs in Richtung Rifferswil lasse ich es heute richtig drehen, obwohl die Windböen teilweise so schieben dass ich in Schräglage geradeaus fahre. Kurz nach einer Kurve beginnt ein Waldstück; ich denke mir noch nimm Gas raus als dieser Baum direkt vor meine Füsse fällt. Nun, die Bremsen der R NineT sind zum Glück von Brembo und beissen zu; mit ratterndem ABS stoppe ich kurz vor dem Geäst. Auch der Fahrradfahrer auf der anderen Seite hatte ein echtes Riesenglück. Die Fuhre traf ihn zwar, aber nur mit den Aesten.

 

Ich wünschte ich hätte die Zigaretten nicht zu Hause gelassen...